Stimme aus der Jägerschaft!

Windpark oder Wildpark?

Diese Frage stellte ich mir, als ich zum ersten Mal vom geplanten Windpark in der  Gegend Piz Sezner – Grenerberger - Um Su gehört habe. Da macht man sich schon Gedanken, was eine derart riesige Industrieanlage in unseren Bergen zu suchen hat, und welche Auswirkungen Windgeneratoren auf das Wild haben: Denn in diesem Gebiet leben vor allem Wildtiere wie Gämsen, Hirsche, Murmeltiere, Steinadler, gelegentlich auch Bartgeier, Turmfalken, Alpenschneehühner sowie diverse Alpensingvögel.

Die geplanten Windkraftanlagen (WKA) befinden sich teilweise sogar im Wildschutzgebiet Grenerberg, da wo sich eine Gäms-Population mit 60 bis 80 Tieren aufhält. Eine Population ist eine Lebensgemeinschaft von Tieren, die in einem klar abgrenzbaren Gebiet lebt. Sie entwickeln sich dort und pflanzen sich im Rahmen der natürlichen Grenzen und der klimatischen Bedingen fort. Die Gemeinschaft aller Tier- und Pflanzenarten innerhalb dieses Gebietes ist ein eigenständiges Ökosystem und kann fast wie eine Insel betrachtet werden.

Wird nun die Ausgeglichenheit dieses Systems gestört entstehen wenig voraussehbare Reaktionen in der Tier- und Pflanzenwelt. Seit Langem haben wir Bündner die Empfindlichkeit dieser homogenen Systeme erkannt und deshalb wichtige Schutzgebiete ausgeschieden, so auch im Bereich Grenerberg.

Werden die Tiere in diesem Ökosystem gestört, erleiden sie massiven Stress. In den Alpen sind die Auswirkungen von Stress besonders in den Wintermonaten gross, weil dann in der Regel die Futterressourcen knapp sind. Wird ein häufiger oder langanhaltender Stress verursacht, kann das bis zum Tod von Tieren führen. Somit ist eine mögliche Abwanderung ganzer Populationen und das Verschwinden unserer Fauna noch das kleinere Übel der vorstellbaren, negativen Auswirkungen.

Die Auswirkungen der Windräder auf das Verhalten der Wildtiere und der Vögel sind noch ungeklärt. Aus diesen grundsätzlichen Überlegungen heraus müssen wir Jäger uns für die Natur und gegen die Industrialisierung der Alpen, insbesondere der Wildschutzgebiete wehren, in welcher Form auch immer Fauna und Flora bedroht sind !

Da wir Jäger von den Initianten des "Windpark Surselva" bisher keine konkreten Informationen erhalten haben, mussten wir uns auf Berichte aus dem Jura abstützen, um den Bau und den Betrieb vergleichbarer Anlagen in der Gegend Piz Sezner, Um Su, Grenerberg vorzustellen.

Während der Bauphase muss eine mehrere Kilometer lange Strasse gebaut werden müssen, welche Transporte bis zu 100 Tonnen Gesamtgewicht zulässt. Das wären also zweieinhalb Mal schwerere Transporte, als der grösste, bis ans Limit beladene LKW in Europa! Hören Sie die Baumaschinen, sehen Sie die Arbeitslichter der Grossbaustelle während der Nacht?

Ein Kran mit dem Totalgewicht von 450 Tonnen wird zum Bauplatz bis auf 2'400 müM geschafft. Er soll die bis zu 76 Tonnen schweren Einzelteile bis auf die Nabenhöhe von über 70 Metern anheben.

Pro Windkraftanlage (WKA) wird ein Fundament von 400 m3 ausgehoben und mit je 1'000 Tonnen Beton ausgefüllt. Dieser Transport verlangt für die vorerst geplanten 40 WKAs gegen 4'000 Lastwagenfahrten bergwärts mit je 5-8 m3 Beton beladen. Im Endausbau (100 WKAs) wären es dann sogar gegen 10'000 Bergfahrten und ebenso viele Talfahrten.

Die vorgesehene Kabelverlegung ins Tal hinunter durch Fels und Wald verlangt zusätzliche, massive Eingriffe in weitere Wildruhezonen der Surselva.

Wie lange dauert die Bauphase? Hier nennen die Initianten nur das gewünschte Startdatum für eine allfällige "Pilotanlage". Was heisst hier schon Pilotanlage? Die gesamt Bauinfrastruktur muss erst einmal erstellt werden. Strassen, Baumaschinen, Kran usw.! Es wird ein klares Präjudiz für den stufenweisen Ausbau geschaffen. Wir wollen keine „Salamitaktik“ !

Sind die Anlagen im Betrieb ist eine ganzjährige Zufahrt zwingend erforderlich, d.h. auch in der Wildruhezeit werden Pfadschlitten, Schneefräsen und Servicefahrzeuge die oben erwähnten Strassen freihalten und befahren müssen. Nochmals, selbstverständlich auch durchs Wildschutzgebiet!

Negative Auswirkungen durch den Betrieb der Anlagen sind am Beispiel von Menschen zu untersuchen und aufzuzeigen. Fernsehberichte in allen Ländern, nicht nur in der Schweiz, zeigen an konkreten Beispielen auf, welche Gesundheitsschäden bei den Betroffenen entstehen können. Menschen kann man untersuchen und befragen, das Verhalten der Wildtiere jedoch nur durch ausgiebiges, beharrliches Beobachten deuten.

Wenn Menschen in der Nähe von WKAs Schaden nehmen, dann wird der negative Einfluss auf Tiere unbestritten sein, vor allem aber auf Wildtiere! Sie zeigen uns laufend, dass sie durch ihre Sensibilität Ereignisse im Voraus erfassen, die wir Menschen noch lange nicht wahrnehmen. Man denke an die um Stunden vorauseilenden Anzeichen von Erdbeben und Tsunamis oder bei uns das Eintreffen von Wetterumschlägen und erstem Schneefall, der die Tiere im Voraus in sichere Gebiete flüchten lässt.

Welche Einflüsse auch immer, ob das der Lärm der WKAs ist - immerhin ca. 40-50 Dezibel pro WKA -, ob der umlaufende Schattenwurf der Rotorblätter dem Schatten von kreisenden Raubvögeln gleicht oder aber ob Vibrationen in Form von Infraschall (Schall unter 20Hz) die Tierwelt zu falschen Reaktionen verleiten, das Alles wird sich erst konkretisieren lassen, wenn es zu spät ist.

Als Einwohner eines alpinen Landwirtschaftgebietes stellt sich auch die Fragen: Wie sind die Auswirkungen auf unsere Kühe und Rinder? Wie werden sich unsere Hirten fühlen? Finden wir überhaupt noch Menschen, welche sich zusammen mit ihren Kindern, ihren Familien während Monaten mitten in dieses neue Industriegebiet wagen? Gerade echt naturverbundene Menschen werden sich vermutlich als Erste scheuen, in Zukunft unsere Alpen zu bewirtschaften!

Wir Jäger sind überzeugt, dass - nebst der Verschandelung unserer Alpen - gravierende Auswirkungen auf die Fauna entstehen. Deshalb mahnen wir ganz generell zu äusserster Vorsicht im Umgang mit unserer Alpenwelt und stehen diesem Projekt sehr kritisch gegenüber

Obersaxen, 07.02.2012, Gaudenz Alig, Jäger